1 Tag, 8 Stunden, 27 Minuten bis:
Gebetsabend (Mi.,18.10.)

Geschichte der Freien Evangelischen Gemeinde Wilchingen

"Auch ist allhier die Neutäufer Sekte entstanden"

(Aus dem Protokoll des Gemeinderates Wilchingen 1839)

Vorgeschichte

Die Täuferbewegung, als geistiger Vorläufer der Freien Evangelischen Gemeinden, ist in der Zeit der Reformation, also um das Jahr 1520 entstanden. Diese Glaubensbewegung fand auch im Kanton Schaffhausen Anhänger; so ist aus dieser Zeit das "Schleitheimer Bekenntnis" bis heute ein wichtiges Dokument der Täufergeschichte. In der "Geschichte von Wilchingen" schreibt Dr. Kurt Bächtold auf Seite 76: "Zur Reformationszeit ist die Sekte der Täufer entstanden, unbeirrbar und radikal in der Überzeugung, Kirche und Staat könnten nicht unter einen Hut gebracht werden. Sie lehnten die übliche Taufe von Kleinkindern grundsätzlich ab. Nur freiwillige und bewusste Christen sollen der Gemeinde angehören. Darum tauften sie nur Erwachsene, was ihnen den Namen "Neutäufer" eintrug. Im Jahre 1522 kam es zum Bruch mit Zwingli, welcher die  Stadt Zürich mit Hilfe der Obrigkeit reformierte und die Staatskirche beibehielt. Darauf begannen die Verfolgungen der Täufer. An vielen Orten der damaligen Schweiz wurden die Täufer zum Widerruf ihres Glaubens gezwungen. Viele wanderten aus nach Deutschland und Holland. Dr. Bächtold schreibt: "Gemäss der Wilchinger Chronik sollen schon 1528 etliche Haushaltungen aus Wilchingen nach Mähren ausgewandert sein, wo sie auf Duldung hoffen konnten". Soviel von den Täufern der Reformationszeit.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts

Am Anfang des 19. Jahrhunderts brach in verschiedenen Landesteilen erneut eine Erweckungsbewegung auf. Im Kanton Bern, in St. Gallen und im Kanton Zürich. Im Kanton Schaffhausen predigte vor allem Johannes Winzeler, Landwirt und Weber aus Barzheim, der 1849 den Hof Storzlen erwarb und dort ein Zentrum der Freien Evangelischen Gemeinde einrichtete ( aus SN vom 06.02.88).

Entstehung der FEG Wilchingen [1]

Nach einem überlieferten Bericht hielt in Wilchingen der damalige Pfarrer Johann Ulrich Ammann gewissensweckende Predigten zu der in Alkohol und Spielsucht verfallenen Bevölkerung. Etliche Männer und Frauen aus dem Dorf, darunter Jakob und Melchior Rüeger und Johannes Hedinger, wurden von diesen Busspredigten angesprochen, fanden aber deinen Frieden. Pfarrer Ammann, der aus dem Kanton Zürich stammte, konnte ihnen nicht weiterhelfen, wusste aber von der Existenz der "Neutäufer" in Tössriedern bei Eglisau. Er empfahl ihnen, diese Versammlung aufzusuchen und dort Antwort auf ihre Fragen zu erhalten. So machten sich die Wilchinger zu Fuss auf den mehrstündigen Weg. In Tössriedern wurden ihnen durch Samuel H. Fröhlich die Grundwahrheiten der Bibel erklärt. Sie erfassten, was es bedeutet, durch Jesus Christus Vergebung ihrer Schuld zu erhalten. Sie taten Busse vor Gott und fanden den ersehnten Herzensfrieden. Voller Freude gingen sie nach Hause und kamen in der nun folgenden Zeit in ihren Stuben zusammen. Natürlich erweckten diese Versammlungen die Aufmerksamkeit der Ortsbehörde. IN den Protokollen des Gemeinderates steht im Jahr 1839 folgender Eintrag: "Auch ist allhier die Neutäufer Sekte entstanden. Der erste Urheber und Oberhaupt ist alt Beilehrer Jakob Rüeger". Wie weit die persönliche Abneigung der Ratsmitglieder gegen die Täufer in den nun folgenden Abwehrmassnahmen eine Rolle spielt, ist nicht ersichtlich; auf alle Fälle war sie vorhanden. Der Gemeinderat handelte aber im Sinn und Geist jener Zeit und wurde dabei von der Regierung in Schaffhausen unterstützt. So beschäftigten sich am 19. August 1839 die Ortsbehörde mit folgender Angelegenheit: "Am Vorabend hatte in alt Beilehrer Rüegers Wohnung eine Versammlung von zwei Männern und vier Frauen stattgefunden, was dem Gemeinderat zur Kenntnis gebracht worden war. Dieser beschloss, den Versammlungsleiter Rüeger mit einem Begleitschreiben dem kleinen Rat in Schaffhausen zu überweisen, den an deren Mann in den Arrest zu versetzten und ihm mit dem Hagenschwanz sechs Streiche zu verabfolgen". In der folgenden Zeit kam es zu verschiedenen Klagen wegen "Proselytenmacherei", weil Leute zum Glauben der Neutäufer wechselten. Trotz des Beschlusses im Gemeinderat vom 2. Juli 1840, es seien den Neutäufern die Versammlungen gänzlich zu untersagen, liessen sie sich nicht einschüchtern. Wörtlich heisst es im Protokoll: "Nachdem den Häuptlingen dieser Beschluss hinter den Schranken des Gemeinderates bekannt gemacht worden war, entgegneten dieselben: "Wir lassen uns von niemandem unsere Versammlungen verbieten, und keine menschliche Macht wird uns hindern können. Dies ist Gottes Sache, wir halten unsere Versammlungen wo und sooft wir wollen". Die Neutäufer fügten sich dem gemeinderätlichen Verbot nicht. Trotz strengem Vorgehen nahm die Zahl der Neutäufer zu, und es kamen ach aus anderen Dörfern Leute in die Versammlungen. An einem Sonntagmorgen im September 1842 erschienen plötzlich einige Beauftragte der Ortsbehörde. Alle Teilnehmer wurden verhaftet und aufs Gemeindehaus geführt. Dort blieben sie verwahrt, bis der Gemeinderat bestimmte, sie seien mit Geld zu büssen. Anwesend waren 24 Männer und 20 Frauen, davon 21 aus Wilchingen, 11 aus Merishausen, 6 aus Siblingen, 2 aus Hemmental, 1 aus Osterfingen sowie der Leiter Johannes Winzeler aus Barzheim. Der Letztgenannte ist wohl der geistige Gründer, unter dessen Einfluss die Gemeinde stand. Ein Mann von tiefer Gemütsart, ein Mann aus dem Volke, der gut mit demselben zu verkehren wusste. Das Total der Busse betrug 142 Gulden, mehr als ein Jahrslohn eines Arbeiters. Sie wurde von sieben Mitgliedern der Täufergemeinde bezahlt. Eine mündliche Überlieferung weiss zu berichten, die Neutäufer hätten, da ihnen die Versammlungen im Dorf verunmöglicht worden seien, solche im Rafzerfeld besucht. Darauf hätten die Behörden Wachtposten augestellt, welche die Leute abfingen und vor das Gemeindehaus brachten. Dort wurden sie öffentlich ausgepeitscht. Eine grundlegende Änderung für die junge Gemeinde das Auftreten des nach Wilchingen zurückkehrenden Juristen Zacharias Gysel aus dem Haus "zum Ritter". Die Ortsgeschichte berichtet auf Seite 296: Kaum wieder zu Hause, errang sich der Zacharias Gysel durch seinen Mut und mannhaftes Einstehen für Verflogt die Hochachtung seiner Mitbürger. Es waren die Tage, wo die Sekte der Neutäufer, harmlose Leute, die niemandem Schaden zufügten, von den Behörden bedrängt und bestraft wurden. Am 28. Dezember 1842 erschien im "Schweizer Courier" eine Einsendung aus Wilchingen, die weites Aufsehen erregte. Mit flammenden Worten wandte sich der Heimkehrer gegen die religiöse Intoleranz und scheute sich nicht, den Gemeindepräsidenten Nikolaus Gisel an den Pranger zu stellen, weil er Neutäufer vor dem Gemeindehaus hatte auspeitschen lassen. Die Glaubensfreiheit sei, so schrieb der junge Rechtsanwalt, die erste Stufe zur Freiheit. "Wer will auftreten und sagen: meine Konfession ist die allein wahre?" Der Appell an die Öffentlichkeit verfehlte seine Wirkung nicht. Bald sass ein Neutäufer im Wilchinger Gemeinderat. Lebenslänglich bewahrten die einst Verfolgten ihrem Helfer treue Dankbarkeit. Als 1848 die erst Bundesverfassung in Kraft trat und die Glaubens- und Gewissensfreiheit garantierte, mögen nicht nur die Wilchinger Neutäufer, sondern Verfolgte und Bedrängte in der ganzen Schweiz aufgeatmet haben. Auf Seite 214 der Ortsgeschichte ist nachzulesen: Die Bewegung erlosch, nicht zuletzt deswegen, weil die Regierung im Zeichen wachsender Toleranz und Glaubensfreiheit auf die früher gegen die Wiedertäufer angewendeten Gewaltmassnahmen verzichtete. Aber in Wahrheit war die Geschichte der Täufergemeinde von Wilchingen, der heutigen Freien Evangelischen Gemeinde nicht erloschen. Alle vier Wochen kam Johannes Winzeler per Chaise (Zweirädriges Pferdefuhrwerk) den sechsstündigen Weg von Storzlen nach Wilchingen. Dazwischen leiteten die Brüder Rüeger die Versammlungen. Mit 48 Jahren starb Johannes Winzeler. Ihm war die Weiterführung der Gläubigen wichtig gewesen, auch ihre Sammlung in Gemeinden, die sich nach den klaren Grundsätzen der Bibel ausrichteten. Dass er sich um die Umsetzung der biblischen Grundwahrheiten kämpfte, haben wir ihm bis heute zu verdanken. Noch vor der wende zum 20-Jahrhundert schloss sich Thayngen, Wilchingen und Winterthur zu einem Arbeitsfeld zusammen. Ihr gemeinsamer Gründer war Johannes Winzeler von Storzeln. Diese drei Gemeinden wurden später in den Bund der Freien Evangelischen Gemeinden aufgenommen und nannten sich von da an auch so. Die ersten Versammlungen fanden in einem Haus im Hofacker statt. Später versammelte man sich bei Jakob Külling "im Winkel", dessen Frau sich von Anfang an zu der jungen Gemeinde bekannt hatte. Im Jahre 1875 machte sich das Bedürfnis nach einem grösseren Raum geltend. Jakob Weber, von Beruf Schuhmacher, liess in seinem Haus "zum Bogen" aus einigen Zimmern einen Saal herrichten. Dort versammelte sich die Gemeinde während 40 Jahren. In jener Zeit müssen die Versammlungen bescheiden gewesen sein. Die Sonntagschule war wohl eine der wichtigsten Aufgaben, hörte doch ein grosser Teil der Dorfjugend die biblischen Geschichten in der Sonntagschule der Freien Evangelischen Gemeinde. 

Entstehung der FEG Wilchingen [2]

Im Jahr 1920 konnte ein eigenes Häuschen im Hofacker erworben werden, welches nach Umbauarbeiten im Frühling 1921 eingeweiht werden konnte. Die Protokolle der Vorkriegsjahre enthalten keine Glanz- oder Höhepunkte. Die harten Jahre prägten auch das Gemeindeleben. Die Gemeinde führte ein Schattendasein, passte sich in manchen Dingen an und wurde immer kleiner. Erneuerung und neue Freude an Gottes Wort bekamen viele durch Evangelisationen, Männer wie Josua Ott, Armin Hoppler, Willi Messmer oder Jakob Bernath aus Thayngen prägten das Gemeindeleben; der Kontakt mit Thayngen wurde enger. 

Karl Voegelin

Im Jahre 1946 begann Prediger Karl Voegelin seine Tätgkeit in den beiden Gemeinden. Damit begann eine frische Zeit. Durch die fröhliche Verkündigung der biblischen Wahrheiten fanden ganze Familien zum Glauben an Jesus Christus. Die Jugend wurde in das Gemeindeleben miteinbezogen. 1948 gründete er mit  einigen Jugendlichen aus den Gemeinden eine Blasmusik, die spätere Brass Band FEG Thayngen / Wilchingen. 

Auf dem Bild: Karl Voegelin

Neue Kapelle

Bald war der Saal im Hofacker zu klein. Sieben Jahre nach seiner Einsetzung wurde der Bau der heutigen Kapelle in Wilchingen beschlossen und im Frühling 1954 festlich eingeweiht. Viele ernste und frohe Veranstaltungen konnten seither in dem schmucken Gotteshaus abgehalten werden. Im Jahr 1980 beschloss die Gemeinde, einen eigenen Prediger einzustellen. Gott hat diesen mutigen Entschluss bestätigt. Über die Landesgrenzen hinweg haben wir Kontakt zu unseren deutschen Nachbarn. Im Jahre 1989 konnte oberhalb der Kapelle ein Stück Land gekauft werden. Ein Predigerhaus, weitere Nebenräume und ein grosser Parkplatz konnten erstellt werden. Die Jugendarbeit und andere Tätigkeitsgebiete der Gemeinde wurden ausgebaut und der modernen Zeit angepasst. Der Glaube an Gott, Jesus Christus und die Bibel sind Gleiche geblieben. Unsere Vorfahren kämpften nicht nur für die Glaubensfreiheit, sondern vielmehr darum, einer christlichen Gemeinde anzugehören, die nur die Bibel als Grundlage kennt und versucht, danach zu leben. Auch unsere Generation des 21. Jahrhunderts möchte von diesen Grundsätzen nicht abweichen.